Im Rosenbeet leuchtet ein Geheimnis.
Das Geheimnis ist in der Rose verborgen.
— Farid ad-Din Attar
1. EIN GARTEN MIT RÖMISCHER SEELE
Frühe Klöster, zu denen auch unser Benediktinerinnen-Kloster St. Bonifatius in Zscheiplitz zählt, folgten einem Grundriss, der von der römischen Villa abgeleitet war. Im Zentrum lag der von Säulen umstandene Hof, aus dem der Kreuzgarten – der Hortus Conclusus – hervorging.
Diese Gärten waren in strenge, rechteckige Formen gefasst und oft um einen Brunnen zentriert. Sie dienten nicht der Dekoration. Sie waren Instrumente der Kontemplation – Architektur, um den Blick zu verlangsamen und den Geist zu ordnen. Ein Ort der Erinnerung.
Es ist dieselbe Frage der Erinnerung, die im Zentrum von Hamlet steht – Shakespeares großem Drama über Gewissen, Gedächtnis und einen Garten, der verwildert ist: „Pfui! Pfui darüber! Es ist eine wüste Verwilderung, die ins Kraut schießt; was rank und grob in der Natur, besitzt ihn bloß.“ Der vernachlässigte Garten als Spiegel eines vernachlässigten Gemeinwesens. Der Klostergarten gibt die entgegengesetzte Antwort: ein Garten, der gepflegt, erinnert und wiederhergestellt wird.
2. DREI GÄRTEN IN EINEM
Ein mittelalterliches Kloster barg nicht einen, sondern drei Gärten, jeder mit eigenem Wissen:
Der hortus – der Küchengarten für Gemüse, Gewürze und Nahrung. Für Ernährung, Saisonalität und Gastfreundschaft.
Der herbularius – der Kräutergarten für Heilpflanzen. Wissen um Heilung, Duft und den Körper, von Hand zu Hand weitergegeben.
Der Paradiesgarten – vor dem Westportal der großen Kirchen, der Blumen zum Schmuck der Kirche hervorbrachte und zugleich Zuflucht für Schutzsuchende bot. Schönheit als Gastfreundschaft.
Zusammen bilden sie das, was wir bei NaturGarten e.V. heute ein lebendiges Kulturarchiv nennen würden: einen Ort, an dem Landschaft und Nahrung, Heilwissen und Jahreszeiten, Handwerk, Gestaltung und Lebensweisen ineinander verwoben sind.