Unsere Geschichte

Zscheiplitz

Pfalzgrafenhof, Kirche, Kloster und Gut

Die Gründungsgeschichte 

des Klosters Zscheiplitz

Stefan Tebruck

Ein romantische Liebe und ein kaltblütiger Mord stehen am Beginn der Geschichte des Klosters Zscheiplitz. So jedenfalls berichtet es uns die legendarische Überlieferung in den thüringischen Chroniken des späten Mittelalters. Die Erzählung des Reinhardsbrunner Chronisten, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts, über 250 Jahre nach den Ereignissen, im Hauskloster der Landgrafen von Thüringen bei Friedrichroda (südwestlich von Gotha) sein Geschichtswerk verfaßt hat, ist das älteste Zeugnis für die Legendenbildung um Adelheid (☩ 1110), die Gemahlin des sächsischen Pfalzgrafen Friedrich III. von Goseck (☩ 1085) und ihres zweiten Gatten, des thüringischen Grafen Ludwig der Springer (☩ 1123).

Adelheid soll in heimlicher Liebe zu dem Grafen aus Thüringen entbrannt sein und ihren Geliebten, so jedefalls erzählt es der Reinhardsbrunner Mönch, dazu angestiftet haben, ihren Gemahl bei günstiger Gelegenheit zu ermorden. Graf Ludwig brach deshalb unter dem Vorwand, jagen zu wollen, in die pfalzgräflichen Wälder bei Zscheiplitz ein und ließ provozierend die Jagdhörner blasen, während Adelheid ihrem gerade heimgekehrten Gatten ein Bad richten ließ. Friedrich III. traf der Bruch seines Jagdrechtes inmitten seines Zscheiplitzer Besitzes, in so einer ungelegenen Situation, völlig unvorbereitet: Adelheid forderte ihn auf, dem Eindringling aus Thüringen mannhaft entgegenzutreten, und der Pfalzgraf, leicht bekleidet, unbewaffnet und ohne Begleitung, stürzte sich auf sein Pferd und ritt dem Grafen Ludwig entgegen, um ihn zu stellen. Ludwig hatte leichtes Spiel, und der Pfalzgraf fiel unter dem Stoß  seines Jagtspießes. Der Mord in den Wäldern von Zscheiplitz zahlte sich aus. Ludwig und Adelheid heirateten, und der Graf aus Thüringen erwarb mit ihr, wie die Reinhardsbrunner Chronik betont, unzählige Reichtümer und ein großes Erbe. Zur Befestigung seiner neuen Besitzungen an Saale und Unstrut gründete Graf Ludwig die Neuenburg, gegenüber und in Sichtweite des bis dahin pfalzgräflichen Zscheiplitz.

Die Tat blieb allerdings nicht ohne Folgen für das Paar. Der Reinhardsbrunner Chronist berichtet, Graf Ludwig sei von der Familie des Pfalzgrafen beim Keiser verklagt und auf dem Giebichenstein bei Halle in Haft genommen worden. Als ihm das Todesurteil drohte, soll er sich mit Hilfe des Heiligen Ulrich durch einen Sprung in die Saale gerettet und dem Heiligen zum Dank die Ulrichskirche in Sangerhausen gestiftet haben. Die Gewissensnöte Adelheids aber nahmen zu. An einem Karfreitag, so will es der Chronist aus Reinhardsbrunn, soll sie ihren Mann zur Rede gestellt und zu einer bedeutenden Sühneleistung bewegt haben. Graf Ludwig wandte sich an seine geistlichen Ratgeber, die Äbte Herrand von Ilsenburg, später Bischof von Halberstadt, und Giselbert von Hasungen, beichtete ihnen und unterwarf sich der von ihnen auferlegten Buß- und Sühneleistung: Er gründete das Benediktinerkloster Reinhardsbrunn, stattete es großzügig aus und trat dort selbst als Mönch ein. Im Jahre 1123 starb er und fand sein Grab in der von ihm gestifteten Klosterkirche.

So berichtet der Reinhardsbrunner Chronist um die Mitte des 14. Jahrhunderts von den dramatischen Ereignissen um den Zscheiplitzer Pfalzgrafenmord von 1085 und verknüpft mit ihnen die Gründungsgeschichte seines eigenen Klosters.

Vier Jahre nach dem Mord, im Jahre 1089, soll Adelheid als weitere Sühneleistung am Ort des Geschehens, auf dem verwaisten Zscheiplitzer Besitz des ermordeten Pfalzgrafen, ein Benediktinerinnenkloster gegründet haben. Adelheid soll dort selbst eingetreten sein und bis zu ihrem Tod im Jahre 1110 als erste Äbtissin ihres Klosters gelebt haben. So jedenfalls stellt sich die Gründungsgeschichte des Zscheiplitzer Klosters dar, wenn man dem Eisenacher Chronisten Johannes Rothe und seiner ‘‘Thüringischen Weltchronik’’ glauben darf, die um 1421, gut 70 Jahre nach der Reinhardsbrunner Chronik, in Eisenach entstand.

Soweit die chronikalische Überlieferung, wie sie uns vertraut ist und unser Bild von Graf Ludwig dem Springer, Adelheid und ihren Klostergründungen in Reinhardsbrunn und Zscheiplitz geprägt hat. Die Frage, die sich angesichts dieser Überlieferung aufdrängt, ist die Frage nachdem historischen Kern dieser Erzählungen. Was ist in den Reinhardsbrunner und Eisenacher Berichten, die erst Ende des 14. bzw. Anfang des 15. Jahrhunderts, gut 250 bis 300 Jahre nach den Ereignissen, entstanden, historische Wahrheit, und was ist Legende? War der thüringische Graf, Ludwig der Springer, einer der Stammväter der Ludowinger, jenem bedeutenden hochadligen Geschlecht, das fast anderthalb Jahrhunderte lang die Landgrafen von Thüringen stellte und damit die politische Geschichte Thüringens und des Reiches im Hochmittelalter maßgeblicht bestimmte, war dieser frühe ludowingische Graf tatsächlich in den Zscheiplitzer Mord von 1085 verwickelt? Welche Folgen hatte dieser Mord für di politischen Verhältnisse im Saale-Unstrut-Raum? Und welche historische Bedeutung hatte er für die Ludowinger? Liegen hier die Anfänge des Frauenklosters in Zscheiplitz, dessen Gründung durch Adelheid dann wie die Klostergründung Ludwigs des Springers in Reinhardsbrunn als Sühne für die Ermordung des Gosecker Pfalzgrafen zu verstehen wäre?

Graf Ludwig der Springer 

und der Pfalzgrafenmord von 1085 

Ludwig der Springer war erst der zweite Graf aus der Familie der Ludowinger in Thüringen. Sein Vater, Ludwig der Bärtige, war vor der Mitte des 11. Jahrhunderts aus Mainfranken nach Thüringen eingewandert und hatte sich zunächst am Nordrand des Thüringer Waldes niedergelassen. Durch Kauf und Rodung von Wald, Urbarmachung von Land und Gründung von Dörfern sowie durch Erlangung großer kirchlicher Lehen vor allem des Mainzer Erzbischofs erwarb er sich einen kleinen Herrschaftsraum südwestlich des heutigen Gotha und befestigte diesen Besitz durch die Errichtung einer eigenen Burg, der Schauenburg. Durch die Heirat mit Caecilie von Sangerhausen knüpfte er erstmals Beziehungen zum Adel nördlich des Thüringer Beckens, ein bedeutender und folgenreicher Schritt für die Ludowinger. Die eheliche Verbindung brachte Ludwig dem Bärtigen Sangerhausen und einen umfangreichen Landbesitz in Nordthüringen ein und legte den Grund für die spätere, ganz Thüringen umgreifende Stellung der Ludowinger. Ludwigs des Bärtigen Sohn Ludwig, der erst in der Legendenbildung des Spätmittelalters den Beinamen ‘‘der Springer’’ erhielt, übernahm den väterlichen Besitz im Thüringer Wald, dehnte seinen Herrschaftsbereich nach Westen bis zum Werratal aus und errichtete dort noch vor 1080 die Wartburg, die zweite ludowingische Burg. Sie sollte den Herrschaftsbereich der Ludowinger im westlichen Thüringen und in Hessen sichern, wo zu Beginn der 1120er Jahre Ludwig des Springers Sohn Ludwig I. (1123-1140), der erste Landgraf von Thüringen aus ludowingischem Hause, umfangreiche Grafschafts- und Besitzrechte erwarb.

Bereits 1085 hatte Ludwig der Springer inmitten der von seinem Vater erworbenen Rodungsherrschaft südwestlich von Gotha  das Kloster Reinhardsbrunn gestiftet, Hauskloster und Grablege der Ludowinger und späteren Landgrafen von Thüringen, eines der bedeutendsten Benediktinerklöster im thüringisch-sächsischen Raum. Durch die Heirat mit der verwitweten Pfalzgräfin von Sachsen, Adelheid, kurz nach 1085 knüpfte Graf Ludwig die zweite, für die Ludowinger entscheidende Eheverbindung. Die Heirat mit Adelheid brachte dem zweiten Ludowinger nicht nur den Besitz pfalzgräflicher Güter und Rechte an Saale und Unstrut ein und verschaffte ihm die Möglichkeit, diesen neu hinzugewonnenen Herrschaftsraum durch den Bau einer dritten Burg, der Neuenburg, zu sichern. Sie verhalf ihm darüber hinaus auch zu einem bedeutenden sozialen Aufstieg innerhalb  des thüringisch-sächsischen Adels. Adelheid stammte aus der Familie der Udonen, der Grafen von Stade, die zu den einflußreichsten und vornehmsten Geschlechtern im Herzogtum Sachsen gehörten, das sich damals über den ganzen norddeutschen und nordmitteldeutschen Raum erstreckte. Durch ihre Ehe mit Friedrich III. von Goseck hatte Adelheid in eine ebenbürtige Familie eingeheiratet, denn die Pfalzgrafen von Sachsen aus dem Hause Goseck zählten wie die Udonen zu den führenden Grafengeschlechtern in Sachsen.

Ihre Besitz- und Herrschafts-schwerpunkte lagen im Harzvorland und im Hassegau an Saale und Unstrut. Einer der bedeutendsten Vertreter aus der Familie der Gosecker war Erzbischof Adalbert von Bremen, der in den Jahren 1043-1072 Erzbischof von Hamburg-Bremen war und zeitweise die Regentschaft für den noch unmündigen König Heinrich IV: (1056-1106) übernahm. Um 1040 hatte Adalbert gemeinsam mit seinen Brüdern Dedo und Friedrich II., dem Vater des ermordeten Friedrich III., die Stammburg der Familie in Goseck aufgegeben, um sie in ein Benediktinerkloster umzuwandeln. Goseck wurde das Hauskloster und die Grablege des Geschlechts.

Die Ermordung Pfalzgraf Friedrichs III. 1085 stellte für die Gosecker wie für die politische Situation im Saale-Unstrut-Raum eine folgenreiche Zäsur dar. Ludwig der Springer setzt sich, ob rechtmäßig oder nicht, in den Besitz der pfalzgräflichen Güter an der Unstrut, übernahm die Vormundschaft für den noch unmündigen Friedrich IV., den Sohn Adelheids aus ihrer Ehe mit Friedrich III., und versuchte, sich der Vogtei, der finanziell einträglichen und politisch wichtigen Gerichts-und Schutzherrschaft über das pfalzgräfliche Hauskloster Goseck, zu bemächtigen.

 Zum unübersehbaren Zeichen dafür, daß er das Gebiet am Unterlauf der Unstrut unter seine Herrschaft zu bringen suchte, errichtete er die Neuenburg, zwischen den alten pfalzgräflichen Besitzungen Goseck und Zscheiplitz gelegen.

Der Erfolg, mit dem Graf Ludwig der Springer seinen Herrschaftsbereich in jenen Jahren auszudehnen vermochte, ist nur vor dem größeren politischen Hintergrund der Zeit zu verstehen. Weite Teile des Adels im sächsisch-thüringischen Raum hatten sich bereits in den 1070er Jahren gegen König Heinrich IV: und seine auf eine Stärkung des Königtums in Sachsen und Thüringen abzielende Politik erhoben und standen bis zur Übernahme der Herrschaft durch Heinrich V. (1106-1125) dauerhaft in Opposition zum Herrscher. Das Königtum erlitt in diesen langjährigen Auseinandersetzungen eine erhebliche Schwächung in diesem Raum, zumal sich die Adelsopposition hier mit den kirchlichen Reformkräften verband, die in dem gleichzeitig ausgebrochenen epochalen Konflikt zwischen Königtum und Papsttum um die Herrschaft in der Kirche, dem sogenannten Investiturstreit, eine religiöskirchliche und politische Opposition im Reich formierten. Als einer der entschiedensten Gegner der königlichen Politik in Thüringen und Sachsen tritt uns dabei Graf Ludwig der Springer entgegen. Er knüpfte nicht nur enge Verbindungen zu den kirchlichen Reformern wie etwa zu Herrand von Ilsenburg (gestorben 1102), dem später von Heinrich IV: aus seinem Bischofssitz Halberstadt vertriebenen Gegner des Königs, und zu dem Klosterreformer Giselbert von Hasungen (gestorben 1101), der der bei Calw im Schwarzwald gelegenen Abtei Hirsau, einem der bedeutendsten Zentren der benediktinischen Klosterreform im Reich, eng verbunden war. Beide standen bei der Klostergründung Graf Ludwigs in Reinhardsbrunn Pate. Giselbert wurde der erste Abt des ludowingischen Hausklosters, während sich Herrand nach seinem Sturz als Bischof von Halberstadt in Reinhardsbrunn aufhielt und dort auch sein Grab fand. Eng verbunden mit der Parteinahme für die kirchlichen Reformer war die Gegnerschaft zu Heinrich IV. Ludwig der Springer nutzte jedenfalls die Schwäche des Königtums, um durch eigenmächtigen Burgenbau, Heiratspolitik und Gütererwerb seinen Macht- und Herrschaftsbereich in Thüringen und an Saale und Unstrut rasch und erfolgreich auszudehnen. Die Heirat mit der aus der Stader Grafenfamilie stammenden Adelheid fügt sich in diese Politik gut ein, denn die Grafen von Stade gehörten damals ebenfalls zu jenen Adelskreisen in Sachsen, die in Distanz zum König standen und enge Beziehungen zu den kirchlichen Reformern, den sogenannten ‘‘Hirsauern’’, unterhielten.

Der Verdacht, der ambitionierte Graf aus Thüringen könne an der Ermordung des Pfalzgrafen in Zscheiplitz beteiligt gewesen sein, lag vor diesem Hintergrund nicht fern. Zwei ältere Nachrichten zum Mord von 1085 lassen jedenfalls darauf schließen, daß nach Ludwig selbst mit der Klage konfrontiert wurde, den Pfalzgrafen ermordet zu haben, ein Vorwurf, der offenbar nie geklärt wurde, aber bereits eine Generation später als sichere Nachricht kursierte. Denn bereits Mitte des 12. Jahrhunderts, etwa 65 Jahre nach dem Mord, schrieb der Annalista Saxo der sein Geschichtswerk zwischen 1148 und 1152 im östlichen Sachsen verfaßte, dem Thüringischen Grafen Ludwig die Urheberschaft an der Tat zu. 

Der ebenfalls um die Mitte des 12. Jahrhunderts schreibende Chronist des pfalzgräflichen Hausklosters Goseck, der örtlich dem Geschehen am nächsten stehende Autor, nannte in seiner Gosecker Chronik noch die Brüder Dietrich und Ulrich ‘‘von Deidenlibe’’ (Deutleben?) und Reinhard ‘‘von Runenstide’’ (Runstedt?) als Täter. Aber ausdrücklich enthielt er sich jeden weiteren Urteils über Motive und Hintergründe des Mordes. Erst später berichtet der Gosecker Chronist in einem anderen Zusammenhang, daß der Sohn des ermordeten Pfalzgrafen, Friedrich IV., seinen Stiefvater und Vormund, Ludwig den Springer, massiv beschuldigt habe, seinen Vater getötet zu haben. Der Verdacht, Ludwig sei in den Zscheiplitzer Mord von 1085 verwickelt gewesen, war demnach im 12. Jahrhundert durchaus verbreitet und dürfte auch im ludowingischen Hauskloster Reinhardsbrunn bekannt gewesen sein. 

So scheint denn auch der bereits oben wiedergegebene Bericht der Reinhardsbrunner Chronik über die Beichte Ludwigs des Springers bei den Äbten Herrand und Giselbert, die ihm als Sühne für seine Sünden die Gründung eines Klosters auferlegten, auf eine Verwicklung Ludwigs in den Zscheiplitzer Pfalzgrafenmord anzuspielen. Am Ort des Geschehens selbst, in Zscheiplitz, setzte schon früh ein entsprechende Gedenktraditon ein. Der Gosecker Chronist berichtet von einem hölzernen Kreuz, das er dort selbst gesehen und an dem er für den Seelenfrieden des Ermordeten gebetet habe. 

Die Reinhardsbrunner Chronik überliefert dagegen eine Inschrift, die sich am Tatort befunden und in einem Zweizeiler vom Tod des Pfalzgrafen durch den Jagdspieß des Grafen Ludwig berichtet haben soll. Bei dem vom Gosecker Chronisten genannten Kreuz und dem Stein, dessen Inschrift der Reinhardsbrunner Chronist wiedergibt, handelt es sich sehr wahrscheinlich um ein Sühnekreuz bzw. Sühnestein, in vielen überlieferten Fällen ein Teil der Wiedergutmachung, die der Täter der Familie des Opfers gegenüber zu leisten hatte. Ob und wieweit Ludwig der Springer tatsächlich in die Ermordung Friedrichs III. von Goseck verwickelt war, ist hier nicht zu entscheiden. Immerhin ist deutlich zu sehen, daß bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts die Ludowinger mit dem Pfalzgrafenmord in Verbindung gebracht wurden, und daß dieser Vorwurf auch in der Reinhardsbrunner Traditionsbildung anklingt. Ludwig der Springer hat jedenfalls die Situation nach 1085 geschickt und zielbewußt genutzt, um sich durch die Heirat mit der verwitweten Pfalzgräfin Adelheid in den Besitz pfalzgräflicher Güter im Saale-Unstrut-Raum zu bringen und eine deutliche Rangerhöhung für sich und seine Familie zu erreichen. Zscheiplitz wurde seitdem, auch wenn Ludwig der Springer seine neue Burg weiter östlich über der Unstrut in Sichtweite des alten pfalzgräflichen Besitzes gründete, ein prominenter Ort für die Ludowinger.

Die chronikalische Überlieferung 

zur Zscheiplitzer Klostergründung

Der eingangs schon zitierte, im frühen 14. Jahrhundert wirkende Eisenacher Chronist Johannes Rothe ist der erste Autor, der die Gründung des Frauenklosters in Zscheiplitz Adelheid  zuschrieb und ihre Stiftung und ihren Klostereintritt als Sühne für ihre Beteiligung am Pfalzgrafenmord deutete. Fast die ganze spätmittelalterliche und neuzeitliche Geschichtsschreibung Thüringens ist ihm darin gefolgt und hat die Zscheiplitzer Klostergründung als Sühneleistung Adelheids für den Mord von 1085 beschrieben. Johannes Rothes Gründungsgeschichte könnte als unproblematisch akzeptiert werden, wenn sie nicht im Vergleich mit den früheren Quellen und den wenigen anderen Zeugnissen zur Frühgeschichte des Klosters Fragen aufwürfe. Warum finden sich sowohl das Gründungsdatum 1089 als auch die dazu passende Gründungsgeschichte erst in der um 1421 abgeschlossenen ‘‘Thüringischen Weltchronik’’ Rothes, über dreihundert Jahre nach den Ereignissen? Warum wissen weder der Gosecker Chronist noch die Reinhardsbrunner Chronik, die ausführlich über den Zscheiplitzer Pfalzgrafenmord und seine Folgen berichten, etwas über eine Klostergründung Adelheids in Zscheiplitz? Wie ist es zu erklären, daß die urkundliche Überlieferung, die Nachrichten über einen Klosterkonvent in Zscheiplitz enthält, erst im frühen 13. Jahrhundert einsetzt, über hundert Jahre nach dem von Rothe gegebenen Gründungsdatum?

Zunächst sind noch einmal die chronikalischen Quellen kritisch zu prüfen. Die Reinhardsbrunner Chronik, die zwischen 1340 und 1349 entstand und thüringische 

Überlieferungen unterschiedlichster Herkunft umfaßt, verbindet die Erzählung vom Zscheiplitzer Mord mit der Nachricht vom Bau der Neuenburg und mit den Gründungsgeschichten der Kirche St. Ulrich in Sangerhausen und des ludowingischen Hausklosters Reinhardsbrunn. Von einer Klostergründung in Zscheiplitz weiß die Reinhardsbrunner Chronik in diesem Zusammenhang jedoch nichts zu berichten. Auch der Erfurter ‘‘Liber Cronicorum Erfordensis’‘ aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, der von Johannes Rothe als Quelle benutzt wurde und sehr viele Nachrichten über die Landgrafen überliefert, enthält nichts über eine Klostergründung Adelheids in Zscheiplitz. Erst in den beiden thüringischen Chroniken aus dem Dominikanerkloster bzw. dem Franziskanerkloster in Eisenach, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts bzw. im frühen 15. Jahrhundert entstanden und die ebenfalls von Johannes Rothe als Vorlagen benutzt wurden, finden sich erste Berichte, in denen von einer frühen Klostergründung in Zscheiplitz berichtet wird. Zscheiplitz wird dort neben den anderen Kirchen- bzw. Klosterstiftungen Ludwig des Springers, Reinhardsbrunn und Sangerhausen, als Klostergründung des Grafen Ludwig aufgezählt. Johannes Rothe hat diese Berichte übernommen und in der ihm eigenen Erzählfreude variiert und ausgemalt. Erst in seiner ‘‘Thüringischen Weltchronik’‘ wird Adelheid zur Gründerin und ersten Äbtissin des Frauenklosters Zscheiplitz. Wie ist diese Entwicklung zu bewerten?

Für die spätmittelalterlichen Chronisten in den Bettelordensklöstern Eisenachs, die im ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhundert wirkten, und für den Eisenacher Stiftsgeistlichen Johannes Rothe, der wenig später seine ‘‘Thüringische Weltchronik’‘ verfaßte, verloren sich die Anfänge der ersten Ludowinger im Halbdunkel des späten 11. Jahrhunderts. Sie haben, wie die meisten Chronisten des späten Mittelalters, ältere Quellen benutzt und verarbeitet: Urkunden, erzählende Quellen und mündlich oder schriftlich überlieferte Legenden. Was ihnen fehlte, ergänzten sie aus ihrem eigenen Wissen und Vorstellungsvermögen. Dichtung und Wahrheit, um hier moderne Kategorien anzulegen, gehen fließend ineinander über. Die Zscheiplitzer Klostergründungsgeschichte des Johannes Rothe, die das traditionelle Bild vom Zeitpunkt, der Gründerin und dem historisch-politischen Hintergrund der Klostergründung in Zscheiplitz geprägt hat, geht offensichtlich auf eine spätmittelalterliche legendarische Überlieferung zurück, die erst Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts in der Eisenacher Chronistik erstmals überliefert wird. In dieser Zeit konnten sich die thüringischen Chronisten die Entstehung des Klosters Zscheiplitz offenbar nur noch dadurch erklären, daß sie dieses Frauenkloster in eine Reihe mit den älteren ludowingischen Stiftungen in Reinhardsbrunn und Sangerhausen stellen, und die Gründung kurzerhand entweder Graf Ludwig dem Springer selbst oder, wie Johannes Rothe, seiner Gemahlin Adelheid zuschrieben. Die bisher angenommene Gründungsgeschichte des Klosters in Zscheiplitz erweist sich damit als jüngere Legende, zumal wenn man die frühesten urkundlichen Zeugnisse zur Geschichte des Ortes in den Blick nimmt. Somit stellt sich die Frage nach dem Gründungsdatum und dem Gründungszusammenhang des Klosters ganz neu. Prüfen wir die frühen Quellen und Zeugnisse, die Aufschluß über die Gründung des Klosters Zscheiplitz geben.

Die ältesten Zeugnisse zur Geschichte 

des Zscheiplitzer Klosters

Die erste urkunde Nachricht, die Zscheiplitz betrifft, stammt aus dem Jahr 1110. Es handelt sich um eine Schenkungsurkunde, die zwar nur in der Reinhardsbrunner Chronik überliefert ist. Aber die Formulierung verrät deutlich, daß dem Chronisten für diese Nachricht eine entsprechende Urkunde von 1110 vorgelegen haben muß. In der Urkunde, die Graf Ludwig der Springer für das Kloster Reinhardsbrunn ausstellte, wird berichtet, daß Graf Ludwig  am Tag der Besetzung seiner Gemahlin Adelheid in Reinhardsbrunn zu ihrem Seelenheil eine Kirche zu Zscheiplitz mit allem Zubehör und einem benachbarten Wald dem Kloster Reinhardsbrunn übertragen habe. Offenbar hatte Adelheid, allein oder zusammen mit ihrem Mann, vor 1110 vermutlich im Bereich des ehemals pfalzgräflichen Besitzes in Zscheiplitz eine Kirche gegründet und mit Gütern ausgestattet. Daß diese Gründung auf sie zurückging, legt der Bericht der Urkunde nahe. Denn die Verbindung des Begräbnisses Adelheids in Reinhardsbrunn mit der Übertragung der Zscheiplitzer Kirche an das ludowingische Hauskloster zu ihrem Seelenheil deutet sehr darauf hin, daß die Kirche von Zscheiplitz von der Verstorbenen gegründet worden war.

Die Stiftung dieser Kirche ist bemerkenswert. Nachdem noch Ludwig der Springer nach 1085 unstrutabwärts die Neuenburg gegründet hatte, muß Adelheid zumindest über einen Teil des ehemals pfalzgräflichen Besitzes in Zscheiplitz verfügt haben, um dort eine Kirche gründen und ausstatten zu können. Möglicherweise gehörte der Ort zu ihrem Wittumsgut. Fragt man nach dem Motiv für ihre Kirchenstiftung , so wird man sie vor dem Hintergrund der Nachrichten über den Pfalzgrafenmord von 1085 am ehesten als Stiftung zum Seelenheil ihres ermordeten Gemahls interpretieren. Für solche Kirchen-, Kapellen- oder Klosterstiftungen in aufgelassenen Burgen oder adligen Besitzungen gibt es im Mittelalter zahlreiche Beispiele. Was sich hier zum Zeitpunkt der Errichtung der Kirche an Baulichkeiten aus pfalzgräfliche Zeit bereits befand,  läßt sich allerdings kaum sagen. Der Gosecker Chronist, der sein Werk nach 1157 im benachbarten Kloster Goseck verfaßte und Zscheiplitz kannte, umschreibt den Besitz der Pfalzgrafen dort mit dem Begriff ‘‘Hof’‘ (‘‘curtis’‘ bzw. ‘‘curia’’). Man wird demnach nicht davon ausgehen können, daß sich in Zscheiplitz eine Burg oder eine größere Befestigungsanlage befand. Eher könnte es sich bei dem pfalzgräflichen Besitz dort um einen wie auch immer gesicherten Wirtschaftshof gehandelt haben, möglicherweise mit einem standesgemäßen Haus aus Stein. Der Zscheiplitzer Hof war nur einer von mehreren Gütern und befestigten Sitzen, über die die Pfalzgrafen nach der Schenkung ihrer Burg in Goseck an das dort gestiftete Benediktinerkloster verfügten. Bedeutender als der Hof in Zscheiplitz war offensichtlich etwa Bottendorf an der Unstrut (südostlich von Artern), nach dem sich die sächsischen Pfalzgrafen zeitweise benannten. Zscheiplitz ging, wie der Ortsname vermuten läßt, auf eine slawische Siedlung zurück und ist damit zu  jenen slawischen Orten westlich der Saale zu rechnen, die in dem breiten Grenzbereich zwischen slawischem und deutschem Siedlungsraum lagen und zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert entstanden sind. Wann und auf welche Weise die Gosecker Pfalzgrafen in den Besitz dieses Ortes gekommen sind und was sie hier vorfanden, läßt sich nicht sagen. Daß in Zscheiplitz bereits in karolingischer Zeit (8.-9.Jahrhundert) eine Burg bestanden hätte, die den im Unstruttal gelegenen königlichen Hof in Balgstädt und die Unstrutfurt sicherte, ist zwar nicht völlig auszuschließen, positive  Belege hierfür fehlen aber.

Die Tatsache, daß sehr wahrscheinlich auch in pfalzgräflicher Zeit in Zscheiplitz keine Burg bestanden hat, spricht eher gegen die annahme einer früheren Befestigung dieses Ortes. Reste einer größeren Burganlage oder anderer älterer Gebäude aus der Zeit vor der Errichtung der Kirche konnten jedenfalls bislang nicht nachgewiesen werden. 

Die in der Reinhardsbrunner Nachricht zum Jahre 1110 deutlich werdenden Vorgänge erlauben jedoch sichere Rückschlüsse auf die Frage nach der Vorgeschichte des Zscheiplitzer Klosters. Denn offensichtlich wird in der Schenkungsurkunde von 1110 weder Zscheiplitz als Kloster noch Adelheid als dessen Äbtissin genannt, und ebenso aufschlußreich ist, daß Adelheid in Reinhardsbrunn und nicht in Zscheiplitz beigesetzt worden ist. Das Denkmal, das das Grab Adelheids in Reinhardsbrunn bedeckte, ist noch erhalten. Es ist heute zusammen mit den meisten der anderen Grabplatten der ludowingischen Landgrafen von Thüringen in der Georgenkirche zu Eisenach zu sehen. Sie wurden im 14. Jahrhundert nachträglich oder als Ersatz für ältere Platten angefertigt. Das für Adelheid bestimmte Grabdenkmal zeigt tatsächlich eine adlige Frau mit einem Kirchenmodell auf dem Arm: Adelheid als Stifterin einer Kirche. Allerdings zeigt dieses Bild die Frau des zweiten Ludowingers nicht als Stifterin von Zscheiplitz, sondern als Gründerin des Klosters Oldisleben. Denn der Reinhardsbrunner Chronist schrieb die Gründung von Oldisleben irrtümlich Adelheid zu. Mitte des 14. Jahrhunderts glaubte man offensichtlich in Reinhardsbrunn, daß die Gemahlin Ludwigs des Springers die Stifterin dieses nordthüringischen Klosters bei Heldrungen gewesen sei. Auch Adelheids Grabplatte ist folglich kein Beleg für eine Klostergründung durch sie in Zscheiplitz. Ein Kloster dort kann demnach um 1110 noch nicht bestanden haben.

Fast ein Jahrhundert lang, von 1110 bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts, werden weder der Ort Zscheiplitz noch die hier bestehende Kirche in der schriftlichen Überlieferung genannt. Die nächsten urkundlichen Zeugnisse stammen erst aus den Jahren 1203 und 1214. 

Im Jahre 1203 stellte Abt Widerold von Goseck zusammen mit einem Heinrich, Prior von Zscheiplitz, und einem Albert, Pfarrer von Freyburg, eine Urkunde aus, mit der die drei Geistlichen im Auftrag des Bischofs von Halberstadt einen Streit entschieden zwischen Heinrich, Abt von Reinsdorf, und Herbold, Pfarrer von Leiha. Das Kloster Reinsdorf  bei Nebra an der Unstrut und der Pfarrer von Leiha, südöstlich von Mücheln, hatten sich offenbar um die Kirche und die Pfarrechte in dem Dorf Schortau gestritten und mußten sich nun dem Urteil der drei benachbarten Geistlichen, die vom Bischof von Halberstadt als Richter eingesetzt worden waren, unterwerfen. Es handelt sich um das damals übliche kirchenrechtliche Verfahren zur Beilegung von Streitigkeiten. Es kam zu einem Vergleich. Die Urkunde, die dazu in Freyburg ausgestellt wurde, ist noch mit den drei angehängten Siegeln ihrer Aussteller überliefert. Zwei der Siegel sind noch gut erhalten, nämlich das Abt Widerolds von Goseck und das Siegel Alberts, der im Urkundentext als Pfarrer von Freyburg (‘‘parrochianus in vriburc’’), in der Umschrift seines Siegels aber als Priester auf der Neuenburg (sacerdos de novo castro’’) bezeichnet  wird.               

Die Urkunde von 1203 und ihre Siegel sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen stellen sie die erste urkundliche Erwähnung Freyburgs überhaupt dar und zeigen die enge Verbindung der an der Unstrut gelegenen städtischen Siedlung mit der über ihr liegenden landgräflichen Neuenburg. Denn der als Pfarrer in Freyburg urkundende Albert ist zugleich – so die Umschrift seines Siegels – Burgkaplan auf der Neuenburg. Zum anderen aber, und das ist in unserem Zusammenhang entscheidend, enthält die Freyburger Urkunde den ersten urkundlichen Beleg für die Existenz einer geistlichen Gemeinschaft in Zscheiplitz. Die Nennung eines Priors Heinrich von Zscheiplitz, des ersten Vorstehers des Klosters, von dem wir überhaupt erfahren, setzt das Bestehen des Klosterkonventes  im Jahre 1203 voraus. Zusammen mit dem Gosecker Abt und dem Freyburger Pfarrer und Burgkaplan der Neuenburg tritt Heinrich von Zscheiplitz als vom Halberstädter Bischof delegierter Richter hervor. Den drei Richtern gemeinsam ist, daß sie dem Landgrafen von Thüringen eng verbunden waren. Denn über  das Kloster Goseck hatten die Ludowinger die Vogtei, die Neuenburg und das unter ihr gelegene Freyburg waren ludowingisch-landgräfliche Gründungen, und Zscheiplitz gehörte seit der Schenkung von 1110 dem landgräflichen Hauskloster Reinhardsbrunn. Demnach bestand also spätestens 1203 in Zscheiplitz ein Konvent unter einem eigenen Prior, der das Kloster auch nach außen vertrat und wegen seiner räumlichen Nähe zu den beiden Konfliktparteien von 1203, dem Kloster Reinsdorf und der Pfarrei Leiha, als delegierter Richter für den Halberstädter Bischof tätig war. Darüber hinaus dürfte das Priorat Zscheiplitz neben Goseck, Freyburg und Neuenburg zu den Eckpunkten ludowingisch-landgräflichen Einflusses im Saale-Unstrut-Raum gehört haben. Dafür spricht, daß Heinrich noch zweimal im Jahre 1214 als Prior von Zscheiplitz erscheint, und zwar in den Zeugenlisten zweier Urkunden Landgraf Hermanns I. (1190-1217). Der thüringische Landgraf bestätigte mit diesen beiden Urkunden eine Schenkung und einen Güter- und Landverkauf seitens des landgräflichen Ministerialen Reinhard von Neuenburg an das Moritzkloster in Naumburg. Die beiden Zeugennennungen belegen nicht nur, daß Heinrich noch 1214 als Prior von Zscheiplitz amtierte, sondern sie zeigen auch die Nähe des Zscheiplitzer Konvents und seines Priors zum landgräflichen Hof und zur Ministerialität Landgraf Hermanns I. auf der benachbarten Neuenburg.

Die Reinhardsbrunner Chronik berichtet um dieselbe Zeit, daß in Zscheiplitz ein Frauenkloster bestand. Jedenfalls enthält die Chronik eine ältere, sehr knappe Nachricht zum Jahre 1215, nach der Nonnen nach Zscheiplitz  gekommen seien. Der Chronist hat damit eine ältere, wohl zeitgenössische annalistische Notiz aus Reinhardsbrunn aufgenommen und sie in seiner Chronik unter das Jahr 1215 eingereiht. Die Nachricht wird durch die Spätere urkundliche Überlieferung bestätigt, aus der hervorgeht, daß Zscheiplitz ein vor der Abtei Reinhardsbrunn abhängiges Frauenkloster unter Leitung eines Propstes und einer Priorin war. Allerdings  stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der Reinhardsbrunner Nachricht von 1215 zu den urkundlichen Nennungen von 1203 und 1214. Haben die angeblich 1215 einziehenden Nonnen einen älteren Männerkonvent, für den der 1203 und 1214 genannte Heinrich als Prior fungiert haben könnte, abgelöst?


Fassen wir noch einmal kurz zusammen. Während die sehr wahrscheinlich auf eine entsprechende Urkunde aus dem Jahr 1110 zurückgehende Nachricht der Reinhardsbrunner Chronik anläßlich des Begräbnisses Adelheids in Reinhardsbrunn und der Übertragung der Zscheiplitzer Kirche an das ludowingische Hauskloster lediglich von einer Kirche (‘‘ecclesia’’) in Zscheiplitz spricht, stellen die Freyburger Urkunde von 1203, die beiden Urkunden Landgraf Hermanns I. von 1214 und die Reinhardsbrunner Nachricht vom Einzug der Nonnen in Zscheiplitz 1215 die ersten Belege dar, die für die Existenz eines Klosterkonvents in Zscheiplitz überhaupt sprechen. Nachdem sich die auf die spätmittelalterlichen Eisenacher Chroniken und auf Johannes Rothe zurückgehende frühe Datierung der Klostergründung als hinfällig erwiesen hat, bleibt nur noch das Jahr 1203 als spätestmögliches Datum der Gründung. Nun ist die Annahme, daß die laut Reinhardsbrunner Chronik 1215 einziehenden Nonnen einen Neuanfang des klösterlichen Lebens in Zscheiplitz darstellten, nur dann sinnvoll, wenn man davon ausgehen könnte, daß zuvor ein Männerkonvent in Zscheiplitz bestand, als dessen Prior der 1203 und 1214 genannte Heinrich amtiert hätte. Allerdings enthält weder die urkundliche noch die chronikalische Überlieferung irgendeinen Hinweis darauf, daß in Zscheiplitz vor 1203 ein Männerkonvent bestanden hat. Ganz im Gegenteil behauptet ja die oben kritisch besprochene chronikalische Tradition seit Johannes Rothe die Existenz eines Frauenklosters in Zscheiplitz Berücksichtigt man, daß der Mitte des 14. Jahrhunderts schreibende Reinhardsbrunner Chronist die sicher ältere und zutreffende Nachricht vom Einzug der Nonnen in Zscheiplitz unter das Jahr 1215 eingereiht hat, diese Datierung aber zu den von ihm selbst eingefügten Jahresüberschriften gehört und nicht vorbehaltlos übernommen werden kann, dann spricht doch einiges  für die Annahme, daß die von ihm erwähnten Nonnen den ersten Konvent in Zscheiplitz überhaupt bildeten, und daß der 1203 und 1214 auftretende Prior Heinrich einer der ersten geistlichen Vorsteher dieses Frauenklosters war. Die Nonnen müßten demnach vor dem vom Reinhardsbrunner Chronisten berichteten Jahr 1215 nach Zscheiplitz gekommen sein, und zwar spätestens 1203. Folglich müßte das Kloster Zscheiplitz vor 1203, möglicherweise noch im ausgehenden  12. Jahrhundert, vom landgräflichen Hauskloster Reinhardsbrunn in Form eines abhängigen Frauenpriorates errichtet worden sein. 

Der Saale-Unstrut-Raum unter den 

Landgrafen Hermann I. und Ludwig IV.

                                                   (1190-1217)                                                (1217-1227)

Trifft die hier vorgeschlagene Datierung der Zscheiplitzer Klostergründung zu, dann müssen die bisher angenommene frühe Datierung und die auf die Eisenacher Chronistik und Johannes Rothe zurückgehende Gründungsgeschichte tatsächlich als legendarisch betrachtet werden. Nicht die Ereignisse um die Ermordung des sächsischen Pfalzgrafen 1085 bilden den unmittelbaren historisch-politischen Hintergrund für die Gründung des Klosters in Zscheiplitz, sondern wohl eher die Entwicklung um 1200, als sich im Saale-Unstrut-Gebiet wichtige herrschaftliche und politische Veränderungen abzeichneten. Gemeint sind die in dieser Zeit deutlich zunehmenden Aktivitäten der thüringischen Landgrafen an Saale und Unstrut, die von den Landgrafen Hermann I. und seinem Sohn und Nachfolger Ludwig IV. ausgingen und an denen auch das landgräfliche Hauskloster Reinhardsbrunn Anteil nahm.

Die Ursache für das deutlich zunehmende Engagement der Ludowinger an Saale und Unstrut im ausgehenden 12. Jahrhundert dürfte das Interesse der Landgrafen an einer Ausdehnung ihres Herrschafts- und Einflußbereichs nach Nordthüringen und den angrenzenden Landschaften gewesen sein.

Einen durchschlagenden Erfolg erzielten sie dabei mit der Erlangung der Pfalzgrafschaft Sachsen, die ihnen 1180 nach dem erbenlosen Tod des letzten sächsischen Pfalzgrafen, Adalberts von Sommerschenburg, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) übertragen wurde. Die Verleihung der Pfalzgrafschaft an die Ludowinger erfolgte vor dem Hintergrund der Entmachtung  des übermächtigen Herzogs von Sachsen und Bayern, Heinrichs des Löwen (um 1130-1195). Der Herzog aus dem Geschlecht der Welfen hatte durch seine ambitionierte und rücksichtslose Territorialpolitik zahlreiche sächsische Bischöfe und Grafen gegen sich aufgebracht. 1178 bildeten sie eine umfassende Opposition gegen den Herzog und klagten ihn beim Kaiser wegen Landfriedensbruch an. Landgraf Ludwig III. (1172-1190), der sich zunächst bedeckt gehalten zu haben scheint, trat 1179 der Koalition gegen den Welfenherzog bei. Sicher hat zu dieser Entscheidung nicht nur seine enge Verwandtschaft mit dem staufischen Kaiser Friedrich I.  – seine Mutter Jutta war eine Halbschwester des Kaisers – und der politische Druck, den die anderen Fürsten auf ihn ausübten, eine Rolle gespielt, sondern gewiß auch die Aussicht, den welfischen Einfluß in Nordthüringen zurückzudrängen und damit selbst territorialpolitische Gewinne zu erzielen. So befanden sich bereits 1179 unter den Gegnern Heinrichs des Löwen, die dessen Burg Haldensleben bei Magdeburg belagerten, auch Ludwig III. und sein jüngerer Bruder Hermann. Heinrich dem Löwen wurden schließlich sämtliche Reichslehen*aberkannt. 

* Reichslehen

ist das vom König des deutschen Reichs verliehene Lehen. Durch die Annahme des Titels Kaiser von Österreich durch Franz II. wird der Reichslehensverband 1804 aufgelöst. 

 

Im April 1180 verlieh Friedrich Barbarossa auf dem Reichstag von Gelnhausen den westfälischen  Teil des Herzogtums Sachsen an den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg. Der Askanier Bernhard von Anhalt wurde zum neuen Herzog von Sachsen eingesetzt. Landgraf Ludwig III. aber erhielt die durch den erbenlosen Tod des letzten Sommerschenburger Pfalzgrafen 1179 freigewordene Pfalzgrafschaft Sachsen, auf die bereits Heinrich der Löwe Ansprüche geltend gemacht hatte. In der berühmten Gelnhäuser Urkunde, in der die Absetzung Heinrichs des Löwen besiegelt und das Herzogtum Sachsen aufgeteilt wurde, eröffnete Ludwig III. als ‘‘Pfalzgraf von Sachsen und Landgraf von Thüringen’’ die Liste der weltlichen Zeugen, ein überaus bemerkenswertes Zeugnis für die Bedeutung, die der Ludowinger als eine der Schlüsselfiguren in der antiwelfischen Fürstenkoalition und als wichtigster Bündnispartner des Stauferkaisers gehabt haben muß. Im November 1181 unterwarf sich schließlich Herzog Heinrich dem Kaiser auf dem Reichstag zu Erfurt, an dem auf der Seite der Sieger auch die beiden ludowingischen Brüder teilnahmen. Hermann I. erhielt nun die Pfalzgrafschaft Sachsen, auf die Ludwig III. zuvor verzichtet hatte. Dieser übernahm das hessische Erbe seines im Sommer 1180 verstorbenen Bruders Heinrich Raspe III. und vereinigte damit landgräflich-thüringische und gräflichhessische Herrschaftsrechte in seiner Hand. Der Erfurter Reichstag im Spätherbst 1181, der das politische Ende Heinrichs des Löwen besiegelte und den Sieg des Staufers Friedrich I. über seinen welfischen Rivalen manifestierte, zeigte die Ludowinger auf dem Höhepunkt ihres politischen Einflusses und ihres fürstlichen Ansehens. Sie verfügten nun mit der Landgrafschaft Thüringen und der Pfalzgrafschaft Sachsen über zwei Reichsfürstentümer sowie über Grafschaftsrechte in Nieder- und Oberhessen und einen weit gestreuten Besitz, der von der Saale bis an die Lahn reichte. Mit der Verleihung der sächsischen Pfalzgrafschaft hatten sie überdies ein territorialpolitisches Ziel erreicht, das vielleicht schon Ludwig der Springer angestrebt hatte, als er sich auf Kosten der damaligen Pfalzgrafen an Saale und Unstrut festsetzte.

Die 1181 vollzogene Herrschaftsteilung zwischen den beiden ludowingischen Brüdern sollte sich als folgenreich erweisen. Denn Hermann I., später gerühmt als Dichterfürst und Königsmacher, Freund der Künste und skrupelloser Territorialpolitiker, bildete hier an Saale und Unstrut von seiner Erhebung zum Pfalzgrafen von Sachsen 1181 bis zur Übernahme der Landgrafschaft Thüringen von seinem Bruder 1190 seinen Herrschaftsschwerpunkt. Mit dem Titel eines Pfalzgrafen von Sachsen verbanden sich für den jüngeren Bruder des Landgrafen vor allem gräfliche Gerichtsrechte im Hassegau, dem Gebiet nördlich der unteren Unstrut und westlich der mittleren Saale. Wichtigstes Vorrecht des Pfalzgrafen war es dabei, dem Landgericht vorzusitzen, das in erster Linie  Besitzübertragungen zwischen Freien zu bestätigen und strittigen Eigentumsfragen gemäß dem Landrecht zu klären hatte. Mehrfach ist Hermann I. auf der Neuenburg und der nicht weit entfernten Eckartsburg nachweisbar. Umfangreiche Baumaßnahmen auf beiden Burgen fallen in das späte 12. und frühe 13. Jahrhundert und sind wohl auf ihn als Bauherrn und Geldgeber zurückzuführen. In den 1180er Jahren ermöglichte Hermann I. dem Dichter Heinrich von Veldeke die Vollendung seines Aeneas-Romans* und eröffnete damit sein reiches literarisches Mäzenatentum. Veldeke rühmte seinen fürstlichen Gönner im Epilog seines Aeneas-Epos als ‘‘palenzgrav Herman van der Nouwenborch bi d’Onstroet’’. Das Lob des Dichters auf den Ludowinger ist nicht nur eines der wichtigsten frühen Zeugnisse für das literarische Mäzenatentum Hermanns I., sondern verweist auch auf die hervorgehobene Bedeutung der Neuenburg als einer der Vororte für die Pfalzgrafschaft Sachsen während der Regierungszeit dieses Ludowingers. 

  • Aeneas-Romans – Der Eneasroman (auch Eneit oder Eneide) ist eine freie Bearbeitung und Übersetzung des französischen Roman d’Énéas. Er wurde zwischen 1170 und 1188 von Heinrich von Veldekeverfasst.  

   

Hermanns Sohn und Nachfolger Ludwig IV. hatte 1217 seine Herrschaft als Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen angetreten. Vor dem Hintergrund veränderter politischer Konstellationen versuchte er zielstrebig, seinen Einfluß nach Osten in die Markgrafschaft Meißen auszudehnen. 1221 übernahm er die Vormundschaft für seinen Neffen Heinrich den Erlauchten, den noch unmündigen wettinischen Markgrafen. Fünf Jahre später, 1226, erlangte er von Kaiser Friedrich II. (1212-1250) die Eventualbelehnung mit der Mark Meißen. Das bedeutete, daß Ludwig IV. die Markgrafschaft erben sollte, falls sein Mündel, Heinrich der Erlauchte*, vorzeitig sterben sollte, ein für mittelalterliche Lebensverhältnisse nicht unrealistischer Fall. Zweifellos verfolgte Ludwig IV. mit dieser Politik einen überaus ehrgeizigen Plan, der zeigt, auf welchem politischen Höhepunkt sich die Ludowinger in dieser Zeit befanden. Wäre der Eventualfall eines frühen Todes Heinrichs des Erlauchten und einer Nachfolge Ludwigs IV. in der Markgrafschaft Meißen eingetreten, hätte sich der Einfluß- und Herrschaftsbereich der Ludowinger von der Lahn im Westen bis in die Niederlausitz im Osten erstreckt. Die Neuenburg und ihr Umfeld wurden in diesem hochpolitischen Prozeß zum natürlichen Ausgangspunkt der ambitionierten Pläne Ludwigs IV. Die zahlreichen Aufenthalte Ludwigs IV. auf der Neuenburg, seine Reisen und seine militärischen Unternehmungen, die von hier ihren Ausgang nahmen, und die anspruchsvollen Bauprojekte auf der Burg und in der Stadt Freyburg zeugen von der gewachsenen Bedeutung des Raumes Freyburg in dieser Zeit.

* Eventualbelehnung –  die Belehnung mit einem gegenwärtig in der Hand [* 2] eines Vasallen  befindlichen Lehen für den Fall, daß letzteres eröffnet werden wird. Es unterscheidet sich diese Eventualbelehnung von der bloßen Anwartschaft (s. d.) auf den Erwerb eines Lehens dadurch, daß schon jetzt, während noch das Lehnsgut in der Hand eines Vasallen befindlich ist, eine Belehnung stattfindet, welche für den Fall der Eröffnung wirksam werden soll. Das Recht des Eventualbelehnten und die Verbindlichkeit des Lehnsherrn aus der Eventualbelehnung gehen auf die Erben über. Übrigens ist das Institut der Eventualbelehnung heutzutage ohne besondere praktische Bedeutung.

* Heinrich III. – genannt der Erlauchte (um 1215 in Meißen?; † 15. Februar 1288 in   Dresden)

Die Region an Saale und Unstrut entwickelte sich, wie zu sehen war, in der Zeit Hermanns I. und Ludwigs IV. zu einem Kernraum landgräflicher Herrschaft. Die intensive Präsenz und die herrschaftlichen Aktivitäten dieser beiden Landgrafen im Saale-Unstrut Raum an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert dürften auch den politischen Hintergrund für das verstärkte Engagement des landgräflichen Hausklosters Reinhardsbrunn in diesem Raum um 1200 gebildet haben.

Reinhardsbrunn, die Ludowinger 

und die Klostergründung in Zscheiplitz

Die Abtei Reinhardsbrunn hatte sich im Laufe des 12. Jahrhunderts als Hauskloster und Grablege der Ludowinger zu einem der bedeutendsten Benediktinerklöster im mitteldeutschen Raum entwickelt. Die ersten Mönche des Reinhardsbrunner Konvents waren aus dem schwäbischen Reformkloster Hirsau gekommen, das im 11. Jahrhundert zum Ausgangspunkt einer der wichtigsten Reformbewegungen innerhalb des benediktinischen Mönchtums in Deutschland geworden war. Für die Gründung Reinhardsbrunns durch die Ludowinger 1085 dürften dabei sowohl religiöse als auch politische Motive ausschlaggebend gewesen sein. Die Stiftung eines Hausklosters war für viele der mächtigeren Adelsfamilien des 11. und 12. Jahrhunderts ein entscheidender Schritt zur Bildung eines religiösen Zentrums für das eigene Geschlecht. Adlige Hausklöster wie Reinhardsbrunn übernahmen dabei vielfältige Funktionen. Zum einen wurde die Abtei die Grablege der Familie und übernahm damit die Pflege des Totengedenkens für die Verstorbenen des Geschlechts. Zum anderen wuchsen dem Kloster aber auch Aufgaben im Rahmen der Herrschaftspraxis der adligen Stifterfamilie zu. Denn diese hatte in der Regel die Vogtei inne, d.h. die Schirm- und Schutzherrschaft über alle klösterlichen Besitzungen und damit verbunden die Gerichtsrechte über die weltlichen Angehörigen des Klosterverbandes. Reinhardsbrunn, dessen Konvent im 12. Jahrhundert wohl in seiner größten geistig-kulturellen und spirituellen Blüte stand, übernahm darüber hinaus für die ludowingischen Landgrafen zumindest bis zur Mitte des 12. Jarhunderts auch Aufgaben einer Kanzlei*. Wichtigstes Zeugnis hierfür ist eine Briefsammlung mit etwa hundert Briefen, die nach der Mitte des 12. Jahrhunderts vom Bibliothekar des Klosters zusammengestellt wurde und nicht nur Aufschluß über das spirituelle und kulturelle Leben im Konvent und dessen weitgespannte Beziehungen zu anderen Klöstern gibt, sondern auch zahlreiche Stücke der politischen Korrespondenz der Landgrafen enthält. 

* Kanzlei – Behörde des Regenten

die den Schriftverkehr führt und archiviert und für Beurkundungen zuständig ist. Im Mittelalter erlangten Kanzleien hohe Bedeutung.

Der hohe Bildungsstand und das rege geistige, religiöse und politische Leben des Reinhardsbrunner Konvents spiegelt sich nicht zuletzt auch in der reichen Geschichtsschreibung des Klosters wider, die spätestens Mitte des 12. Jahrhunderts mit zeitgenössischen Annalen einsetzte und in der Zeit Landgraf Hermanns I. mit den umfangreichen ‘‘Reinhardsbrunner Historien’’, deren anonymer Verfasser weit über den thüringisch-landgräflichen Horizont hinaus auch die Geschichte des Reiches in den Blick nahm, ihren Höhepunkt erreichte.

Die Bedeutung Reinhardsbrunns, sowohl seine Wirtschaftskraft als auch die geistig-religiöse Ausstrahlung seiner Mönchsgemeinschaft, werden schließlich auch in der Gründung zahlreicher Tochterklöster deutlich, die über ganz Thüringen verstreut lagen. Seit Beginn des 12. Jahrhunderts hatte Reinhardsbrunn umfangreichen Grundbesitz erworben und zahlreiche Stiftungen* adliger Familien erhalten, unter denen sich auch Kirchen und Kapellen befanden.

* Stiftungen – haben eine lange Tradition. Im Mittelalter entsprangen sie als Stift den frommen Gedanken des Stifters, der auch die Sicherung des eigenen Seelenheils im Blick hatte, aber auch als Gründungsstadt oder Siedlung, die den Stifter als Lehnsherr  auf gute Rendite hoffen ließ.

 

Vornehmlich an solchen Orten errichtete die Abtei abhängige Tochterklöster in Form von Propsteien bzw. Prioraten. Die dort angesiedelten Konvente standen dabei unter der Leitung eines Propstes oder Priors, der vom Abt von Reinhardsbrunn eingesetzt wurde und diesem unterstand. Reinhardsbrunn verfügte nachweislich über insgesamt sechs solcher Tochterklöster, zwei von ihnen waren Nonnenkonvente. Zscheiplitz scheint als das jüngere der beiden Frauenklöster gegründet worden zu sein, denn neben den Reinhardsbrunner Filialen mit Männerkonventen in Dietenborn (westlich von Sondershausen), Zella St. Blasii (Zella-Mehlis, nördlich von Suhl), Oberellen (westlich von Eisenach), und Lissen (südostlich von Naumburg) bestand bereits ein älterer, von Reinhardsbrunn abhängiger Frauenkonvent in Bonnrode (südostlich von Sondershausen). Das Frauenkloster Bonnrode war möglicherweise schon bald nach 1140/41 auf Initiative Landgraf Ludwigs II. (1140-1172) und unter Leitung seiner Schwester Adelheid errichtet worden. Allerdings ist die erste urkundliche Nachricht, die das Bestehen eines Konventes in Bonnrode bezeugt, jünger. 1215 wird erstmals ein Propst von Bonnrode genannt.

Spätestens zu Beginn des 13. Jahrhunderts verfügte Reinhardsbrunn demnach mit Zscheiplitz und Bonnrode über zwei Frauenklöster, die als abhängige Priorate bzw. Propsteien gegründet worden waren und sowohl geistlich wie besitzrechtlich zum Mutterkloster gehörten. Die rechtliche Abhängigkeit dieser beiden Frauenklöster von Reinhardsbrunn ist in der urkundlichen Überlieferung gut bezeugt. Bei allen Tausch- und Verkaufsgeschäften der beiden Konvente wurde die Zustimmung des Abtes von Reinhardsbrunn eingeholt. Der Bericht des Reinhardsbrunner Chronisten über den verheerenden Brand, der seine Abtei im Jahre 1292 schwer beschädigte, läßt darüber hinaus schlaglichtartig deutlich werden, wie eng offenbar auch die geistlichen und persönlichen Beziehungen zwischen Reinhardsbrunn und seinen beiden Frauenklöstern waren. Denn nach dem Bericht des Chronisten soll der Klosterbrand gleich zweimal durch göttliche Vorzeichen angekündigt worden sein. Zum einen soll die  Brandkatastrophe einer Nonnen in Zscheiplitz, die gerade andächtig im Gebet für ihr Mutterkloster versunken war, vorhergesagt worden sein. Zum anderen soll einen in Bonnrode aufgestellte Marienstatue den Klosterbrand durch Zeichen angekündigt haben. Angesichts der engen Beziehungen zwischen Reinhardsbrunn und seinen beiden Frauenklöstern in Bonnrode und Zscheiplitz stellte sich die Frage, ob für die ludowingische Abtei und ihre beiden Tochterkonvente ein ähnlicher Zusammenhang anzunehmen ist, wie er für eine ganze Reihe von anderen Benediktienerklöstern des 12. Jahrhunderts gut bezeugt ist. Es stellte sich nämlich die Frage, woher die Klosterfrauen in Zscheiplitz und Bonnrode kamen, wo doch Reinhardsbrunn selbst, nach allem was wir wissen, ein Männerkloster war.

Die Errichtung von Nonnenkonventen in Form abhängiger Priorate ist in vielen Klöstern der sogenannten Hirsauer Reformrichtung, der auch Reinhardsbrunn angehörte, anzutreffen, nachdem man sich seit dem frühen 12. Jahrhundert von der Lebens- und Organisationsform des Doppelklosters zu lösen begann. In diesen Doppelklöstern waren ein Männer- und ein Frauenkonvent unter Leitung eines Abtes vereint, bei strenger räumlicher Trennung der Arbeits- und Lebensräume. Nur die Kirche wurde gemeinsam benutzt. Offenbar war diese ältere Klosterform im 12. Jahrhundert zunehmend in die Kritik geraten. 

Hirsau und St. Georgen etwa, zwei der bedeutendsten Benediktinerklöster der Hirsauer Reform im Reich, aber auch ein nichthirsauisch geprägtes Reformkloster wie St. Blasien (alle drei Klöster befinden sich in Südwestdeutschland), siedelten ihre ursprünglich im Rahmen des Doppelklosterinstituts angegliederten Frauenkonvente bereits Anfang des 12. Jahrhunderts in größerer Entfernung  vom Männerkonvent an und errichteten sie unter Leitung eines jeweils vom Abt des Mutterklosters eingesetzten Priors neu. Vor diesem Hintergrund liegt natürlich die Annahme nahe, daß auch Reinhardsbrunn ursprünglich ein Doppelkloster war, und daß man den Reinhardsbrunner Frauenkonvent, ähnlich wie in St. Georgen und St. Blasien, aus dem Doppelklosterverband löste, indem man die Propsteien bzw. Priorate in Bonnrode und Zscheiplitz gründete. Daß sich in Reinhardsbrunn im 12. Jahrhundert tatsächlich auch Frauen niedergelassen hatten, die der Fürsorge des abtes unterstanden, ist gut bezeugt. Ein anderes großes Benediktinerkloster in Thüringen, das ebenfalls der Hirsauer Reformrichtung angehörte, Paulinzella, verfügte bis ins Spätmittelalter hinein neben dem Konvent der Brüder auch über einen Frauenkonvent und war unter Leitung eines gemeinsamen Abtes als Doppelkloster organisiert. Eine ähnliche Einrichtung darf man sich zumindest für das 12. Jahrhundert auch in Reinhardsbrunn vorstellen. Wenn diese Deutung zutrifft, hätten wir in Zscheiplitz zu Beginn des 13. Jahrhunderts einen Frauenkonvent, dessen Schwestern ursprünglich aus Reinhardsbrunn stammten und die man, teils wegen der Abkehr von der Idee des Doppelklosters, teils wegen des sonst nicht mehr zu verkraftenden Zustroms von frommen Frauen, nach Zscheiplitz ausgesiedelt hatte.

Als benediktinisches Frauenpriorat eines hirsauisch geprägten Reformklosters nimmt sich Zscheiplitz neben den anderen Nonnenklöstern, die im unmittelbaren landgräflichen Umfeld gegründet wurden, in gewisser Weise als Sonderfall aus. Das St. Nikolai-Kloster in Eisenach etwa war noch unter Landgraf Ludwig III. zwischen 1172 und 1190 als selbständiges Benediktinerinnenkloster gegründet worden. Ludwigs III. Bruder und Nachfolger Hermann I. wandte sich den Zisterziensern zu und gründete 1208 das Nonnenkloster St. Katharinen vor Eisenach. Das Benediktinerinnenkloster Kapelle (bei Frankenhausen) schließlich war vor 1193 von Godebold, dem Burggrafen der Neuenburg, einem Lehnsmann Landgraf Hermanns I. und seiner Frau Bertradis gegründet worden.  Ihre Stiftung ist ein außerordentlich deutliches Zeugnis für die gewachsene Bedeutung und den sozialen und politischen Aufstieg der Familie der Burggrafen der Neuenburg. Alle drei genannten Frauenklöster wurden als selbständige Klöster errichtet. Die Ansiedlung des Frauenkonventes in Zscheiplitz als abhängiges Reinhardsbrunner Tochterkloster fällt demgegenüber auf. Die Ludowinger haben offensichtlich darauf verzichtet, ein selbständiges Kloster in Freyburg, ihrer aufstrebenden und wohl intensiv geförderten städtischen Gründung unterhalb der landgräflichen Neuenburg, zu stiften, nachdem das landgräfliche Hauskloster Reinhardsbrunn im unmittelbar benachbarten Zscheiplitz ein Priorat eingerichtet und einen Frauenkonvent angesiedelt hatte. Sollten die Ludowinger im Zusammenhang mit ihrem verstärkten Auftreten an Saale und Unstrut, insbesondere nach dem Erwerb der Pfalzgrafschaft Sachsen 1180/81, überhaupt ein Interesse an einer Klostergründung im Umfeld der an Bedeutung erheblich zunehmenden Neuenburg und Freyburgs gehabt haben, dann bat sich tatsächlich das traditionsreiche Zscheiplitz hiefür vor allem an.                                                                                                                                  

Denn zum einen bestand ja bereits in Zscheiplitz eine Kirche, die von Adelheid, der Gemahlin Graf Ludwig des Springers gestiftet worden war und seit der Schenkung von 1110 im Besitz der landgräflichen Abtei Reinhardsbrunn war. Zum anderen war die Tradition um diesen Ort, der in der Erinnerung der Zeitgenossen und der Nachwelt mit der Ermordung des Pfalzgrafen von Sachsen 1085 und der nicht ganz geklärten Verwicklung des zweiten Ludowingers darin verbunden wurde, im 12. Jahrhundert sehr lebendig. Das zeigen die Berichte des Gosecker Chronisten und des Annalista Saxo aus der Mitte des 12. Jahrhunderts und die in das späte 12. Jahrhundert zurückreichenden Berichte über die Klostergründung Graf Ludwig des Springers in Reinhardsbrunn. Ob und inwieweit indes die Ludowinger und der landgräfliche Hof unmittelbaren Anteil an der Gründung des Frauenpriorates in Zscheiplitz durch Reinhardsbrunn hatten und hier gleichsam eine verspätete Sühneleistung ihrer Familie verwirklicht sahen, läßt sich nicht sagen. Zscheiplitz ist zunächst im Rahmen der Klostergründungspolitik Reinhardsbrunns zu sehen, denn die Gründung des Frauenpriorates an der Unstrut ist in erster Linie auf den Abt und den Konvent des landgräflichen Hausklosters zurückzuführen. Die Ludowinger dürfen aber doch wohl Pate gestanden haben bei der Errichtung des Frauenpriorates, das der Neuenburg in Sichtweite gegenüberlag und mit dem Gedächtnis Adelheids, die hier jene erste Kirche gestiftet hatte, die bei ihrer Beisetzung 1110 zu ihrem Seelenheil an Reinhardsbrunn übertragen worden war, untrennbar verbunden blieb. Die Erinnerung an die Ermordung Pfalzgraf Friedrichs III. prägte die Tradition um diesen Ort jedoch in sehr viel stärkerem Maße und blieb bis weit in das Spätmittelalter hinein lebendig, wie die spätmittelalterliche Legendenbildung um Adelheid, Ludwig den Springer und den Zscheiplitzer Pfalzgrafenmord in der Reinhardsbrunner Chronik und in der ‘‘Thüringischen Weltchronik’’ des Johannes Rothe bezeugt. Wohl deshalb konnte sich die im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert entstandene Vorstellung, das Kloster Zscheiplitz sei eine Sühnestiftung Adelheids, die mit der Stiftung und ihrem Klostereintritt für ihre Mitschuld an der Ermordung ihres pfalzgräflichen Gemahls Buße habe tun müssen, bis in unsere Tage so erfolgreich behaupten.

Anhang

Im Anhang zu diesem Beitrag wird der Text der Freyburger Urkunde von 1203 in einer deutschen Übersetzung abgetruckt. Die Urkunde, die sich heute im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden unter der Signatur O. U. 135 befindet, enthält nicht nur die erste schriftliche Erwähnung Freyburgs, sondern stellte auch das älteste Zeugnis für das Kloster Zscheiplitz dar. Die Urkunde wurde erstmals ediert in: Tebruck, Stefan: Die Gründung des Klosters Zscheiplitz. Zur Entstehung des Reinhardsbrunner Frauenpriorates an der Unstrut und seiner Bedeutung für die Ludowinger um 1200. In: Sachsen un Anchalt 20 (1997), S. 331-358, hier S. 357-358. Ein Regest zu dieser Urkunde bietet Schickel, Harald: Regesten der Urkunden des Sächsischen Landeshauptarchivs Dresden. Band 1 (948-1300).  Berlin 1960, S. 80, Nr. 149. Eine Abbildung der Originalurkunde mit dem Siegel Alberts, des Pfarres von Freyburg, bietet Säckl, Joachim: Das alte Freyburg – Entwicklung der Stadt und des städtischen Lebens von der Gründung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Das alte Freyburg. Freyburg/Unstrut 1994, S. 7-54. hier S. 14-16 (novum castrum. Schriftenreihe des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e. V. Heft 3).

Urkunde von 1203 mit Nennung des  Priors 

Heinrich von Zscheiplitz

Der Text der Urkunde (auf der Seite 28) in deutscher Übersetzung:

‘’Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit. Widerold, durch die Gnade des Herrn Abt in Goseck, Heinrich, Prior in Zscheiplitz, Albert, Pfarrer in Freyburg, delegierte Richter der Kirche von Halberstadt für den folgenden Vertrag, der heiligsten Gemeinschaft der Gläubigen ewiges Heil. Da alles, war der Ordnung der Kirche entgegenzustehen und den Frieden zu stören scheint, mit der Sichel des Rechts abzuschneiden oder durch Vergleich zu beruhigen ist, haben wir, indem wir für die uns vererbte Verwaltung das Auge ganzer Aufmerksamkeit auf ein ähnliches Werk gerichtet haben, den Streit, der zwischen dem Herrn Heinrich, Abt von Reinsdorf, und Herbold von Leiha entstanden ist, mit Gottes Rat auf diese Weise vorgehend beigelegt, daß der genannte Abt dem schon genannten Pfarrer mit gemeinsamer Zustimmung seiner Mitbrüder zwei Höfe in dem Dorf Gröst, die jährlich fünf Schlillinge und sechs Denare zinsen, zu ewigem Recht zu Besitz übertrage und durch diesen Tausch die Kriche in Schortau, die aus der Gerichtsbarkeit er Pfarrei in Leiha herausgenommen wurde, für sich und seine Nachfolger zu ganzem Recht ohne Einspruch erwerbe und in Zukunft die freie Verfügungsgewalt darüber habe, und damit dieses Schriftstück unserer Aufzeichnung die schuldige Geltung erhalte, haben wir es durch den Aufdruck unserer Siegel bestätigt, und wir haben mit dem Bann der Kirche von Halberstadt ehrerbietig bekräftigt, daß jeder, der in leichtfertigem Wagnis versucht, gegen diese unsere Vertragsaufzeichnung zu verstoßen oder sie ungültig zu machen, auf den Zorn des allmächtigen Gottes, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und aller Heiligen treffen soll und vom Los der Seligen ausgeschlossen und ausgetilgt im Gericht nicht auferstehen soll. Zeugen dieser Sache sind diese: Konrad von Karsdorf, Eilhard von Reinsdorf, Güther von Zorbau, Manegold, Albert und Walther von Mücheln, Berno von Malmarstorph, Gottschalk von Leiha und viele andere, Kleriker und Laien. Dies wurde verhandelt im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1203, in der 6. Indiktion. Gegeben zu Freyburg. Glücklich Amen.’‘   

Reinhard Schmitt

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