Der Deutsche Hamlet

Viel ist nicht mehr erhalten von der ursprünglichen Anlage des Klosters Zscheiplitz. Die meisten Gebäudeteile wurden schon bald nach Ende des 2. Weltkriegs abgerissen. Neuer Wohnraum musste her um neuen Wohnraum für Flüchtlinge aus Ostpreussen, Hinterpommern und Schlesien zu schaffen. Schon im späten 16. Jahrhundert, im frühen 17. und im 18.Jahrhundert  ist es Veränderungen unterzogen worden, die vielleicht sogar noch tiefgreifender gewesen sind. In diese Zeit fiel die Schließung des Nonnenklosters der Benediktiner, die Enteignung von Land und Gebäuden und die Überführung in den Besitz der Krone, zeitgleich ging es auch hunderten anderer kirchlicher Besitztümer ganz ähnlich,

Jetzt, zu unserer Zeit, ist das Kloster Zscheiplitz allerdings einzigartig unter vielen der verbliebenen Klöster, es entpuppte sich als Sühnezeichen für eines der bemerkenswertesten Verbrechen, über die je im frühen Mittelalter berichtet wurde. In der Tat basiert seine Gründung auf einem Drama, in dem List, Seitensprünge und pures Machtstreben nicht zu kurz kommen, bekannt als die „Sage über den Grafen Ludwig und die schöne Adelheid“. Es war ein Ort des Verrats, aber ist es nicht sogar vorstellbar, dass es sich um die Geburtsstätte eines Vorläufers einer der berühmtesten Persönlichkeiten der Literatur, nämlich des Hamlet, des Prinzen von Dänemark, handeln könnte? 

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Innikenty Smoktunovsky als Hamlet, 1964

Es war im Jahre des Herrn 1087, vor fast 1000 Jahren, an einem düsteren Februartag,  al sein Reiter in den Wald ritt, unbewaffnet, nichtahnend was da auf ihn zukommen würde ritt er direkt in einen Hinterhalt, den ihm der Liebhaber seiner Gattin stellte. Er wurde überfallen und getötet, sein Körper kam auf dem gefrorenen, schneebedeckten Boden zu liegen. Schon kurz darauf ehelichte der Liebhaber dessen Witwe um eine Dynastie zu, die im Folgenden über fast 200 Jahre  weite Teile des zentralen Deutschlands herrschen sollte. Die Geschichte der Fürstin (Dame ?) von Weissenburg  wurde zu einem der bekanntesten Dramen der frühen Jahre des mittelalterlichen Europas. Seine “theatralische” Qualität, seine dramaturgische Kraft, das Zusammenspiel von Liebe, Verrat und Vergeltung hat über Jahrhunderte die Vorstellungskraft von Dichtern, Sängern, Schriftstellern und Malern inspiriert. Es hat Eingang gefunden in die Volkskunde des deutschen Sprachraums von Holland bis nach Norditalien. In der Slowakei wurde die Ballade von der Gräfin von Weissenburg bis über das Ende des zweiten Weltkrieges hinaus bewahrt und – gesungen.

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Edwin Austin Abbey: Spielszene aus Hamlet, 1897. Kunstgalerie der Yale Universität

Folgt man der Chronik wurde der Pfalzgraf Friedrich III im Jahre 1060 als Spross der bedeutenden Familie der Grafen zu Goseck (höchstwahrscheinlich ein jüngerer Zweig aus der Wettiner Familie) geboren. In den frühen 1080ern ehelichte er Adelheid von Stade, höchstwahrscheinlich ein oder zwei Jahre vor seinem Tod. Schon bald darauf, so glaubt man, traf das Paar Ludwig, einen Nachkommen des Fürsten von Thüringen zum ersten Mal anlässlich dessen Besuches in Weissenburg.

Wir wissen nicht, wann genau die Affäre begann und wie sie letztendlich zu der Verschwörung mit dem Ergebnis der Ermordung von Friedrich führte. Was wir allerdings genau wissen ist, dass das Szenario zum Winter des Jahres 1085 hin mit dem Ziel eingefädelt wurde, Adelheid aus ihrer Ehe zu lösen um ihr so schnell die Umstände es gestatten würden eine feste offizielle Verbindung mit Ludwig zu erlauben. Für Ludwig bedeutete der Tod des Pfalzgrafen eine Gelegenheit, einer der mächtigsten Herren des Gebietes zu werden: Die sächsischen Annalen  Annalista Saxo berichten, dass “palatinus comes Fridericus”, der Sohn Friedrich`s [II], durch “Lodewicus comes de Thuringia” ermordet wurde. Der Chronist Gozecense berichtet, dass  “iunior palatinus Fridericus” im Jahre “1085 Non Feb” durch “duo fratres Theodericus et Udalricus de Deidenlibe, et Reinhardus de Runenstide” ermordet und im Kloster Goseck beerdigt wurde.

Bald darauf, und, folgt man manchen Quellen, ehelichte die Wiwe von Stand Adelheid ohne Einhaltung der üblichen Trauerphase den Grafen Ludwig.

Das Drama nahm für beide eine weitere Wendung: Im Laufe des Jahres 1085, wenige Monate nach ihrer Witwenschaft, gebar Adelheid einen Sohn, der nach seinem verstorbenen Vater auch Friedrich genannt wurde. Ob er auch tatsächlich der Sohn des Pfalzgrafen war oder aber das Ergebnis der Beziehung zwischen Adelheid und Ludwig, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Die Tatsache, dass er den Traditionsnamen derer von Goseck erhielt war in zweifacher Hinsicht bedeutsam: dadurch wurde ihm rechtlich die Position als Erbe gewährt, gleichzeitig stellte es aber auch den Versuch dar, den Ehebruch zu kaschieren.

Kurzfristig durch Kaiser Heinrich IV inhaftiert,  beendete Ludwig seine Gefangenschaft schon bald (indem er in die Saale sprang, was ihm dem Namen “der Springer” einbrachte), um seine bewährten Mitstreiter wiederzufinden und neue zu gewinnen. Der Graf wurde nicht allein der Stiefvater des jungen Friedrich, sondern auch ein enger Berater der sächsischen Pfalzgrafschaft. Diese Position gereichte ihm zu großem Nutzen, indem er Land erwarb, Befestigungen baute, und seine Günstlinge mit Land und Privilegien ausstattete. Schon im Jahre 1090, drei Jahre nach dem tragischen Tod des Pfalzgrafen, gründete der Fürst von Thüringen die Burg von Neuenburg, nur drei Kilometer entfernt und in Sichtkontakt zum pfalzgräflichen Familiensitz  in Weissenburg, was gegenüber der gräflichen Familie und dem verstorbenen Grafen Friedrich als ein ganz offensichtlicher und direkter Affront zu werten war.

Es ist daher kein Wunder dass die Kluft zwischen ihm und dem jungen Friedrich wuchs. Obwohl dieser stets anständig behandelt wurde, er wuchs schließlich an einem der wohlhabendsten und glänzendsten Höfe in Europa auf, so nahm doch die Entfremdung zwischen ihm und seinem Stiefvater zu. 1107 brach schließlich ein offener Konflikt zwischen beiden aus. Ob es nun so war, dass es ihnen einfach nicht gelang, ihre private Dinge ins Reine zu bringen oder eher so. dass die erlittene Erniedrigung aufgrund einer Anzahl von am Hofe tätigen Dichter, Sänger oder Geschichtenerzähler, die die Tugenden des Fürsten von Thüringen allzu sehr priesen, für den jungen Friedrich einfach nicht mehr auszuhalten war?

Wie auch immer die Umstände gewesen sein mögen, anlässlich eines Fürstentag`s, der am 30. Mai 1108 in Merseburg gehalten wurde, beschuldigte der junge Friedrich den Fürsten von Thüringen öffentlich, seinen Anspruch auf die Pfalzgrafschaft zu untergraben. Ferner konfrontierte der junge Friedrich seinen mächtigen Gegner mit der Anklage des Mordes an seinem Vater, des Pfalzgrafen Friedrich III und forderte Ludwig zum Duell.

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Edwin Austin Abbey, Die Königin in Hamlet, 1897. (au seiner privaten Sammlung)

Abgesehen davon, dass er Ludwig auch zu seinem Todfeind machte, erreichte Friedrich garnichts, da Heinrich V Ludwig als mächtigen Verbündeten benötigte und ihn nicht als Gegner haben wollte. Die Anträge des Pfalzgrafen verhallten ungehört.

Friedrich verließ daraufhin Sachsen um im selben Jahr Agnes van Limburg (die Tochter des Grafen Henrik van Limburg) zu heiraten, mit der er, um 1114, zwei Kinder hatte. Er lebte noch lang genug um den Tod des Fürsten Ludwig (so um 1123 oder 1126) mitzubekommen. Seine Mutter Adelheid verstarb 1111 als Nonne des Klosters Zscheiplitz, welches sie als Ort der Buße und des ewigen Gedenkens für den ermordeten Pfalzgrafen 1089 in Weissenburg gegründet hatte.

So also endet eine der bemerkenswertesten Familienfehde-Geschichten des frühen Mittelalters in Deutschland. Eine der Geschichten, die nicht militärische Eroberungen oder hübsche Mädchen zum Hauptgegenstand haben, sondern sich mit einer Tragödie über Treuebruch, Machtdurst und alltäglichem sowie ungerächtem Leid befasst. Zum ersten Mal seit der Antike ist die Hauptfigur kein Held mit magischen Kräften, kein Heiliger oder ein tapferer Heerführer, sondern ein charakterlich nicht einwandfreier Mörder, der unschuldiger naiver Jugend gegenübersteht. Eine Geschichte, die sehr starke Parallelen zu einem Drama enthält, was erst etwa 500 Jahre später von William Shakespeare geschrieben wurde: The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark.

(c) Alexander von Hahn, März 2017, Überzetsung (c) Peter Bahrs
Die Frau von Weissenburg.

Was wollen wir aber singen, was wollen wir heben an?
Wir singen vom Fräulein von Weissenburg, wie es seinen Herren verlan.

Es thät ein Brieflein schreiben, schickts abe in’s niedere Land,
Es schickts dem jungen Graf Friedrich, er soll wieder kommen zur Hand.

5

Wie er gen Weissenburg kommen, wohl unter das hohe Haus,
Da schaut dieselbe falsche Frau hoch oben zur Baie) heraus:

„Willkomm, willkomm, mein lieber Graf, und Alle die bei dir seyn!“ –
„Schön Dank, schön Dank, mein Fraulein, wo mornetder Herre dein?“ –

„Thue mich nit vermelden, ich sag dir die Wahrheit bald;

10

Er ist gen Grüningen ze jagen, er ist ze Grüningen im Wald.“ –

„Ist er gen Grüningen ze jagen, ei, jagt er in’s Grüningers sein Hag,
So soll ihm das Leben nit länger stahn, als auf den heutigen Tag.“

„Und soll ihm sein Leben nit länger stahn, als auf den heutigen Tag,
Ei so erbarm sich Gott im Himmel, daß ich ihn verrathen hab!“ –

15

Da der Graf in den Wald hinaus kam, schlaft der Herre unter der Lind’:
„Auf Knechte, lieber Knechte mein, erschieß mir ihn geschwind!“

„Ich will ihn nit verschießen, will eher ihn leben lan;
Ich will ihn lassen genießen, daß ich bei ihm gedienet han.“

„Ach Herre, lieber Herre mein, wem befehlet Ihr Euer Kind?“

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„Ich befehl sie Gott dem Allmächtigen, er weiß schon von wem sie sind.“

„Ach Herre, lieber Herre mein, wem befehlet Ihr Euer Gut?“
„Ich befehls den armen Leuten, die Reichen hand schon genug!“

„Ach Herre, lieber Herre mein, wem befehlet Ihr Euer Weib?“
„Ich befehl sie dem Grafen Friederich, der war ihr allzeit lieber als ich!“

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„Ach Herre, lieber Herre mein, wem befehlet Ihr Euer Schloß?“
„Ich befehls den Feuerflammen, die hoch oben zu den Baien auslangen.“

„Ach Knechte, lieber Knechte mein, zieh’ auf dein Armbrust groß,
Und schieße mir den Herren mit seinen Jagdhunden todt.

 

Gerbert: Historia nigrae silvae. Tom. II. Pag. 241

 

In dem Jahr,

in welchem König Heinrich der IV. für mündig erklärt wurde und seinen Thron in Besitz nahm, soll sich Graf Ludwig von Schauenburg unsterblich in die schöne Gattin des Pfalzgrafen von Sachsen, Friedrichs III., verliebt haben. Um Adelheid zu erringen, erstach Ludwig den Pfalzgrafen auf der Jagd mit einem Schweinespieß und ehelichte das holde Weib bald darauf.

Der Bruder des Pfalzgrafen, Adalbert, wollte jedoch die Tat nicht ungesühnt lassen und sprach daher vor seinem König Heinrich IV. vor. Dieser verhängte über Graf Ludwig die Acht. Auf der Flucht ereilte Ludwig dann auch sein Schicksal; er wurde gefangen genommen und auf der Burg Giebichensteinhinter dicken Mauern eingekerkert.

Doch ein Prozess ließ auf sich warten, da König Heinrich IV. außer Landes weilte.
So vergingen die Jahre und Graf Ludwig freundete sich mit seinen Wächtern an, spielte mit ihnen so manches Brettspiel.

Eines Tages jedoch drang die Kunde zur Burg Giebichenstein, dass sich der König auf der Heimreise befände und bald darauf Recht sprechen würde. Graf Ludwig fürchtete nun um sein Leben. Deshalb bat er die Wachen, seinen Schreiber auf die Burg kommen zu lassen, um sein Testament aufzunehmen. Der Schreiber kam.

Doch Graf Ludwig hatte einen abenteuerlichen Plan ausgeheckt und trug seinem Schreiber nun auf, alles für eine Flucht vorzubereiten. Graf Ludwig indes stellte sich krank und bat die Wachen um Mäntel, denn ihm sei so kalt. Die Wächter hatten Mitleid mit dem Gefangenen und brachten ihm die gewünschten Kleidungsstücke.

Zum verabredeten Tag nun blickte Graf Ludwig aus dem Fenster und sah am gegenüberliegenden Ufer der Saale seinen Leibdiener mit zwei Pferden stehen, eines davon war des Grafen Lieblingspferd, ein weißer Hengst, Schwan genannt.

Da zog der Graf seine Mäntel über und bat und bettelte seine Wachen, man möge ihn doch auf den Burgturm lassen, ein wenig frische Luft zu schnappen. Die Wachen wollten dem sterbenskranken Grafen gern diesen Gefallen tun und geleiteten ihn auf den Turm. Auf halbem Wege die Treppen hinauf jedoch wandte sich der Gefangene rasch um und tat einen kühnen Sprung aus dem nächstgelegenen Fenster hinaus.

Die Mäntel, die Graf Ludwig trug, blähten sich im Wind und trugen ihn sanft dem Flusse entgegen. Im kühlen Nass angekommen, entledigte sich der Graf seiner Mäntel und wurde von einem Boote aufgenommen, welches ihn ans andere Ufer der Saale brachte. Dort kam ihm sein Leibdiener entgegen und half ihm auf’s Pferd. Gemeinsam ritten beide fort von der Feste und ihren düsteren Kerkern.

Aufgrund des Sprunges von der Burg erhielt Graf Ludwig den Beinamen „der Springer“.

Ludwig der Springer, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

 

Besagter Beiname ist nach heutiger Ansicht wohl eher auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen. Graf Ludwig (1042 – 1123), der auch als Erbauer der Wartburg in die Geschichte einging, entstammte wohl dem fränkischen Adelsgeschlecht der Salier. Das Wort „salire“ bedeutet im Lateinischen „springen“. So wurde denn eine Legende um dieses Wort gestrickt.
Auch die Zeitangaben der Sage entsprechen nicht den historischen Tatsachen. König Heinrich IV. wurde im Jahre 1065 für mündig erklärt, Graf Ludwig jedoch ehelichte Adelheid erst im Jahre 1081. Und der Graf Friedrich III. wurde nie Pfalzgraf, weil ihn sein Vater, Friedrich II., überlebte und seinen Titel an seinen Enkel weitergab. Friedrich III. wurde wohl im Jahre 1085 ermordet, jedoch ist eine Beteiligung Ludwigs nicht erwiesen. Und Ludwig war zu der Zeit schon seit 4 Jahren mit Adelheid vermählt.

von http://halle.katjaelsner.net/archives/ludwig-der-springer

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