Pfarrer Christian Kurzke: “…man nicht nur über Nächstenliebe predigen kann”

Der Rüdersdorfer Pfarrer Christian Kurzke reiste mit Spendengeldern nach Syrien und brachte offene Fragen an die Politik mit.

Ein Geruch von Erde, von Lorbeer. Würzig, vertraut, leicht. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dieses Stück Seife in der Hand zu halten. Sie kommt aus Syrien.

Christian Kurzke fördert sie aus den Tiefen seines Pfarrbüros zutage. Vom Fenster hat man einen guten Blick auf Rüdersdorf. Unten fließt die Treibe, links und rechts davon fast pittoresk der Ort. Viel Fachwerk, viel Grün. Eine Thüringer Idylle, die so endlos weit weg scheint von Syrienund seiner Tragödie.

Die Seife hat Avedis Titizian in seiner Werkstatt nach einem uralten Rezept hergestellt. Er lebt in Kessab, eine Stadt im Nordwesten von Syrien, wo die meisten Einwohner armenische Christen sind. Als vor vier Jahren dschihadistische Truppen die Stadt überrannten, sie plünderten, die Menschen vertrieben, standen die Rückkehrer Monate später vor den Ruinen ihres Lebens.

Avedis Titizian wollte weg aus Syrien, wie viele andere auch. Dann entschied er sich zu bleiben, baute aus den Trümmern die Werkstatt wieder auf. Seifen aus Syrien galten seit Jahrhunderten als Kostbarkeit. Jetzt sollten das alte Handwerk für ihn und seine Familie aller Hoffnungslosigkeit in seinem Land zum Trotz die Hoffnung nähren: Leben wie andere auch.

D0R0027334652

Seine Seifen gelangten nach Deutschland, es gibt Wege. Innerhalb weniger Wochen hatte Christian Kurzke von seinem Pfarrbüro aus 3600 Stück verkauft.

Reise durch ein kriegswundes Land

Im Sommer diesen Jahres stand er in der Werkstatt von Avedis Titizian und übergab ihm Geld aus dem Erlös. Fast 10.000 Euro insgesamt. Geld, mit dem der Seifenmacher von Kessab weiter arbeiten kann.

Kessab war die erste Station einer Reise durch ein kriegswundes Land. Im Gepäck Spendengelder aus seiner Kirchengemeinde und aus ganz Deutschland, und Medikamente. Viereinhalb Monate hat er auf die Erlaubnis der syrischen Behörden gewartet, auf das Visum in seinem Pass. Was von hier aus so unmöglich scheint, tut er mit einem Lachen ab. Es geht, wenn man die Wege sucht.

Das hat mit seiner Energie zu tun. Man könnte es auch Rastlosigkeit nennen oder Ungeduld.

Es ist nicht ganz einfach, sich mit ihm zu verabreden. Er ist immer in Eile. Am Ende des Gesprächs springt er auf, wirft sich ein Hemd über das T-Shirt, weil er jetzt nach Geramuss. Dort wartet eine Frau aus Somalia, sie soll ein Kochbuch-Projekt leiten mit dem er Flüchtlingsfrauen aus der Isolation ihrer Heime holen will. Er ist auch Flüchtlingsseelsorger im Kirchenkreis Gera. Und eigentlich sitzt er schon fast auf gepackten Koffern, im September fährt er in den Nordirak.

Hilfsorganisation – und das Pfarrhaus von Rüdersdorf ist die Zentrale

Einer, der dem Leben immer noch eine Umdrehung mehr abgewinnt. Wahrscheinlich muss man so verfasst sein, um das zu stemmen: Eine kleine Hilfsorganisation – und das Pfarrhaus von Rüdersdorf ist die Zentrale. Claudia Rammelt, seine Frau, ist engste Mitstreiterin.

Das hat viel mit den Erfahrungen früher Jahre zu tun. Er hat nach seinem Theologiestudium in Halle an einem evangelischen Seminar in Beirut weiterstudiert, hat später als Vikar die kleinen deutschen Gemeinde in Aleppo und Homs betreut. Viele Kontakte zu Seelsorgern christlicher Gemeinden, die er heute im Irak, in Syrien und im Libanon hat, stammen aus dieser Zeit. Freundschaften zeigen ihren Wert in der Not.

 

D0R0027334655

Christian Kurzke war schon zweimal im Nordirak, um kirchliche Hilfsprojekte zu unterstützen. 2016 fuhr er vom Libanon aus für 48 Stunden nach Homs. Diese Fahrt im Sommer war die vierte in das Krisengebiet. Vorbei an entvölkerten Dörfern, an ausgebrannten Fahrzeugwracks, durch Trümmerlandschaften. In Kessab hörten sie in den Nächten das Einschlagen der Raketen bei Idlib, auf der Straße kamen ihnen russische Militärkonvois entgegen. Von Homs fuhren sie nach Aleppo, durch ehemaliges IS-Gebiet. Rakka, die einstige IS-Hochburg, von der ihm die Menschen sagten, der Geruch der Toten hänge bis heute über der Stadt, ließen sie östlich liegen. Immer wieder wurden sie von Posten des syrischen Geheimdienstes gestoppt, lange Fragen, lange Erklärungen, viele Zigaretten.

Zu Hause hat er drei kleine Kinder und eine Frau. Einmal am Tag wenigstens, so die Vereinbarung, schickt er eine Nachricht nach Rüdersdorf.

Warum tut man sich das an?

Weil, sagt er, man nicht nur über Nächstenliebe predigen kann. Und weil die Gemeinden im Nahen Osten, die diese Hilfe jetzt brauchen, uns direkt zu unseren christlichen Wurzeln führen.

In Homs hat er die maronitische Gemeinde besucht, und Spendengeld für ihr Begegnungszentrum übergeben. Er klickt sich durch die Fotos auf dem Laptop: Ein schmuckloser, halb fertiger Betonbau am Stadtrand, dahinter beginnen die Obsthaine. Aus dem Dämmerlicht, vor einem vergitterten Fenster lachen Kinder in die Kamera. In den Ferien brachte sie ein Bus jeden Tag dorthin. Es ist ein besonderer Ort für sie, weg von den Kriegsnarben ihrer Stadt. Ein Ort zum Atemholen, wo für ein paar Stunden nur Kindheit ist. Ein heilender Ort. Es gibt so wenig davon in Syrien.

Dann Aleppo. Die Stadt, wo sie nicht um Viertel, nicht um Straßen, sondern um einzelne Häuser kämpften. Die einst wunderschöne Stadt, die heute eine apokalyptische Trümmerwüste ist.

Die armenisch-evangelische Gemeinde dort ist nicht nur religiöser Zufluchtsort für ihre Gläubigen. Seit Kriegsbeginn halten Ärzte in den Gemeinderäumen Sprechstunden ab, weil die Polikliniken zerstört sind. Für die Kranken waren die Medikamente und Spendengelder bestimmt. Die Zahnarztpraxis in den Räumen war während der Kämpfe um die Stadt die einzige im armenischen Viertel. Der Generatorstrom für den Behandlungsstuhl wurde aus den Spenden dieses Hilfsprojektes finanziert.

Wie hat das alles begonnen? Mit den Bildern aus dem Fernsehen, als im Herbst 2014 die Kämpfer des IS vor Mossul standen. Mit den kaum fassbaren Erzählungen von der Grausamkeit der Islamisten. Es waren, sagt Pfarrer Kurzke, die Kinder seiner Gemeinde, die als erste zum ihm sagten: Wir können doch nicht nur zusehen. Wir müssen doch etwas tun.

Christian Kurzke nahm Kontakt zu CAPNI auf, eine christliche Hilfsorganisation im Nordirak. Übergangsbekleidung und Hygieneartikel, hieß es dort, brauchen die vertriebenen Menschen jetzt nötig. Innerhalb von vier Wochen sammelten sie in Gemeinden 1500 Kisten davon. Auf das Hilfskonto flossen aus der Kirchengemeinde Rüdersdorf, später aus ganz Deutschland 11.000 Euro. Damit konnten sie sich auch an den Kosten für den Transport beteiligen, den die internationale Hilfsorganisation Global Aid Network (GAiN) übernahm. Die Spenden fließen bis heute, die Evangelische Landeskirche gibt für drei Jahre jeweils 80.000 Euro dazu.

Mit dem Geld unterstützen sie kirchliche Projekte im Libanon, wo viele geflüchtete Syrer seit Jahren unter schwierigen Bedingungen leben, im Nordirak und in Syrien. Sie helfen Werkstätten wie der kleinen Schneiderei in Homs, die Menschen zu Arbeit und Einkommen verhilft. Sie finanzieren Kindern Schulbesuch und Nachhilfe, weil nach sieben Kriegsjahren eine ganze Generation ohne regulären Schulbesuch aufwächst. Es sind Projekte, die über religiöse Grenzen hinweg offen stehen. Das bringt Menschen zusammen in diesem zerrissenen Land.

Und es ist nicht nur das. Sein persönlicher Besuch in diesen Orten ist mehr als eine solidarische Geste. Die Menschen, sagt der Pfarrer, sehen darin eine Hoffnung: Europahat euch nicht vergessen.

Es mag nicht viel mehr als ein Strohhalm sein, nach dem diese Hoffnung greift, aber die Menschen brauchen sie. Familien sind auseinandergerissen, die Städte zerstört, die Menschen sind erschöpft, sie trauern um ihre Toten. Aber sie sind nicht paralysiert. Sie wollen, sagt Pfarrer Kurzke, wieder leben können und hoffen. Auf einen Alltag, in dem nicht jeder neue Tag, jeder kleine Aufbruch infrage gestellt wird. Weil niemand weiß, wann und ob aus diesem vernarbten Leben im Kriegsprovisorium eine Normalität werden kann. Irgendwann.

Wann hilft uns Europa, unser Land wieder aufzubauen? Diese Frage, sagt er, wurde ihm oft gestellt. Das hätte er auch gern die Kanzlerin gefragt, als sie zum Bürgerdialog nach Jena kam. Mit Diktatoren, hatte sie gesagt, arbeiten wir nicht zusammen.

Nach Stand der Dinge könnten Assads Truppen mit russischer Hilfe in nächster Zukunft das gesamte Land unter Kontrolle bringen. Dann hätte er diesen Krieg gewonnen. Und dann? Würde nicht jeder Euro, aus der EU, der in den Wiederaufbau fließt, das Regime stärken, dass sich so gnadenlos an den Menschen vergangenen hat? Eine berechtige Frage, eine schwierige, an der sich die Politik abarbeitet.

Pfarrer Kurzke hat nach den Erfahrungen in Homs und Aleppo seine Sicht darauf. Natürlich wissen die Menschen, was Assad ihrem Land angetan hat. Aber die Menschen, mit denen er sprach, haben auch die anderen Seiten erlebt, die Gewalt der Rebellen, die in Syrien nur Terroristen genannt werden, sagt er. In Aleppo zum Beispiel, wo sich 50 verschiedene Gruppierungen bekämpften. Man könnte es auch so sagen: Aus der Entfernung vergröbert sich das Muster.

 

Menschen sehnen sich danach, wieder leben zu können

Vor allem aber: Nach einem Krieg, der länger dauert als der Zweite Weltkrieg, sind die Menschen unendlich müde. Sie sehnen sich danach, wieder leben zu können. Er zeigt ein Foto vom Souk in Homs. Die Schweizer, erzählt er, haben den Markt in Zusammenarbeit mit der UN und der Assad-kontrollierten Stadtverwaltung wieder aufgebaut. Warum, fragt er, können wir das nicht auch? In Aleppo ist der Markt noch zerstört. Der Souk ist das Herz einer arabischen Stadt.

Ein anderes Bild: Das kaputte, leerstehende Hospital von Homs. Für den Wiederaufbau müsste man 1,2 Millionen Euro aufwenden. 70.000 Menschen könnte das Hospital erreichen. Am liebsten, sagt er, würde er das Bild dem deutschen Entwicklungsminister auf den Schreibtisch legen.

Seit 2006 ist er Pfarrer in Rüdersdorf. Natürlich verändern die Erfahrungen in Syriendie Maßstäbe, wenn man manche Probleme aus der Gemeinde hört. Aber ernst nehmen muss man sie genauso, bemerkt er. Die Stärke einer Gemeinde hängt von der Stärke des Einzelnen ab. Und nur eine starke Gemeinde kann eine solche Hilfe zu Wege bringen. Zum Beispiel. Er habe nach dem Beginn der ersten Aktion im Herbst 2015 von Menschen gehört, sie seien geradezu erleichtert. Darüber, etwas tun zu können. Hilflosigkeit ist auch eine Ohnmacht.

Wenn man ihn nach dem nachhaltigsten Bild fragt, das er aus Syrien mitnahm, sind es nicht die Ruinen von Aleppo. Es ist Lachen der Kinder im Gemeindezentrum von Homs. Und der Souk der Stadt, die zu leben beginnt. Er ist ein ungeduldiger Mensch. Und ein hoffender.

Hilfe, die Hoffnung stiftet

„Hilfe für Nahost“ fördert Schulbildung in Syrien, Libanon und im Nordirak. Das Projekt der Kirchengemeinde Rüdersdorf-Kraftsdorf, in Zusammenarbeit mit dem kirchlichen Entwicklungsdienst der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, kann mit einer Spende unterstützt werden (siehe Internetadresse). Wer mit dem Erwerb von Seife aus der Werkstatt von Avedis Titizian helfen will, kann dies per Mail tun:

Christiankurzke@web.de

www.kirche-kraftsdorf.de

original publication

https://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Naechstenliebe-kann-man-nicht-nur-predigen-Ruedersdorfer-Pfarrer-mit-Spenden-na-1219203834


 

P.S. Kloster Zscheiplitz unterstützt die Initiative von Pfarrer Kurzke. Ab diesem Wochenende können alle Interessierten die syrische Seife kaufen und im Eingangsbereich des Herrenhauses Informationsmaterial über das Projekt erhalten. Für Spenden wenden Sie sich bitte direkt an den Pfarrer.

 

IMG_0366

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: